Mutter-Bonus in familienrechtspsychologischen Entscheidungskontexten : Eine experimentalpsychologische Untersuchung

Sowohl in den Medien als auch in der Forschungsliteratur wird diskutiert, ob es in Sorge- und Umgangsregelungen von Familiengerichten zu einer Benachteiligung von Vätern bzw. zu einer Bevorteilung von Müttern kommt. Das Ziel dieser Arbeit war, die möglichen Effekte einer geschlechterbasierten Wahrnehmung von Eltern im Kontext kindschaftsrechtlicher Entscheidungen mittels verschiedener Forschungsdesigns zu untersuchen. In drei empirischen Studien wurden im experimentellen Vignettendesign verschiedene geschlechts- und erziehungsbezogene elterliche Merkmale als unabhängige Variablen manipuliert und deren Einfluss auf die Zuweisung von Versorgungs- und Betreuungszeiten von Kindern in Nachtrennungssituationen untersucht. Dabei stellte in jeder einzelnen Studie das elterliche Geschlecht als unabhängige Variable den zentralen Untersuchungsaspekt dar und wurde in den Studien mit verschiedenen weiteren unabhängigen Variablen kombiniert, wie bspw. der elterlichen Prototypikalität im Sinne von Geschlechtsrollendefinitionen oder dem elterlichen Erziehungsverhalten. Im Einklang mit bisherigen Befunden konnte in Studie 1 gezeigt werden, dass neben einer generellen Bevorzugung der Mutter als Hauptversorgungs- und -betreuungsperson von Kindern, es prototypisch mit Frauen assoziierte Charakteristika sind, die bei Beurteilungsprozessen entscheidungsrelevant werden. In Studie 2 zeigte sich für drei unterschiedliche Erziehungssituationen abermals, dass prototypisch weibliche Eigenschaften zur Entscheidungsfindung herangezogen wurden. Elternteile mit prototypisch femininen Attributen wurden sowohl bei günstigem Erziehungsverhalten als auch bei eher ungünstigem Erziehungsverhalten zur Betreuung und Versorgung ihrer Kinder gegenüber Elternteilen vorgezogen, die prototypisch maskuline Attribute aufwiesen. In einer Erziehungssituation, die inhärent mit prototypisch femininen Eigenschaften verknüpft zu sein scheint, zeigte sich darüber hinaus, in Nachtrennungsregelungen Mütter vor Vätern zur kindlichen Versorgung und Betreuung zu präferieren. In Studie 3 wurden die Befunde der Studien 1 und 2 zu Geschlechtsdisparitäten in familienrechtsbezogenen Beurteilungsprozessen an einer Stichprobe von Verfahrensbeiständinnen ergänzt und erweitert. Hierbei zeigte sich keine Präferenz Mütter als kompetentere Versorgungspersonen für Kinder gegenüber Vätern anzusehen; im Gegenteil wurden sie bei gleichem Verhalten sogar als inkompetenter bewertet als Väter. Interessanterweise zeigten weiterführende Analysen, dass Einschätzungen der elterlichen Kompetenz ausschließlich bei Vätern, nicht jedoch bei Müttern ausschlaggebend waren für die Empfehlungen zu Unterstützungsmaßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe. Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen aller drei Studien werden im Hinblick auf weiterführende Forschungsfragen und Anwendungsimplikationen für den familienrechtlichen Kontext diskutiert.

Both in the media and in the research literature, there is a debate about whether custody and visitation rulings by family courts disadvantage fathers or favor mothers. The aim of this thesis was to investigate the possible effects of gender-based perceptions of parents in the context of child custody decisions using different research designs. Three empirical studies used an experimental vignette design to manipulate various gender- and parenting-related parental characteristics as independent variables and examine their influence on the assignment of caretaking time to children in post-separation situations. In each study, parental gender as an independent variable was the central aspect of the study and was combined with various other independent variables, such as parental prototypicality in terms of gender role definitions or parental parenting behavior. In line with previous findings, Study 1 showed that, in addition to a general preference for the mother as the main caregiver of children, it is characteristics prototypically associated with women that become relevant in decision-making processes. In Study 2 it was again shown for three different parenting situations that prototypically feminine characteristics were used in decision making. Parents with prototypically feminine attributes were preferred to parents who exhibited prototypically masculine attributes for the care and provision of their children in both favorable parenting behavior and rather unfavorable parenting behavior. Moreover, in a parenting situation that appears to be inherently linked to prototypically feminine attributes, post-separation arrangements were shown to prefer mothers over fathers for child care and provision. In Study 3, the findings of Studies 1 and 2 on gender disparities in family law-related adjudication processes were supplemented and extended to a sample of female guardians ad litem. In this study, there was no preference for mothers to be seen as more competent caregivers for children than fathers; on the contrary, they were even rated as more incompetent than fathers for the same behavior. Interestingly, further analyses showed that assessments of parental competence were exclusively decisive for fathers, but not for mothers, when it came to recommendations for support measures of child and youth welfare. Conclusions from the results of all three studies are discussed with regard to further research questions and application implications for the family law context.

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