Kunst als Stabilisierung von Lebensstil und Lebenswelt : Pierre Bourdieu und Hermann Lübbe

Kammertöns, Christoph GND

Im vorliegenden Aufsatz wird die These einer sozial distinguierenden und lebensweltstabilisierenden Funktion von Kunst geprüft, indem einer soziologischen Perspektive auf Kunst eine philosophische gegenübergestellt wird. Konkret steht dem durchsetzungsstarken lebensstiltheoretischen Ansatz Pierre Bourdieus Hermann Lübbes zeitlich überschneidender philosophischer Zugang im Zeichen einer Kompensationsqualität von Kunst gegenüber. Bourdieu betont vorrangig den distinktiven Charakter von Kunstausübung und Kunstrezeption im Sinne einer habitusgeprägten Klassen- bzw. moderner: Milieuabgrenzung, die Lübbe implizit über seine Diagnose elitärer Kennerschaft bzw. der zwangläufig elitär ausgelegten Avantgarde und im Sinne der Funktion von Kunst als »Symbolmedium von Gruppenidentifikation« teilt. Lübbe verficht über den weitergeführten Kompensationsgedanken der Ritter-Schule die Stabilisierung einer einheitlichen Lebenswelt (bzw. von nicht disparaten Lebenswelten), die auf dem Wege der Kunstrezeption Kollateralschäden der technischen, letztlich gesamtgesellschaftlichen Modernisierung verkraften und so stabil bleiben können soll. Ähnlich sind sich Bourdieu und Lübbe argumentativ hinsichtlich der Betonung einer lebensstil-, damit klassen- respektive milieustabilisierenden Funktion von Kunst (bei Bourdieu explizit, bei Lübbe implizit). Unterschiede zeichnen sich jedoch hinsichtlich der Perspektiven ab: Während Bourdieu auf der Mesoebene sozialer Milieus bzw. der Schicht und auf der beitragenden Mikroebene individueller Verhaltensweisen einen deskriptiven Fokus wählt, bezieht Lübbe sich vor dem Hintergrund einer bedrohlichen Makroebene gesellschaftlicher Bedingungen (unabwendbare Fortschrittszumutungen) vorrangig auf die lebensweltliche Mikroebene des Individuums in seiner erschütterten Befindlichkeit. Die Rolle von Kunst bzw. von ›Kultur‹ wird hier nicht deskriptiv, sondern normativ eingeführt: Lübbe weist ihr die lebensweltschützende Funktion der Kompensation zu. In diesem Zusammenhang fungieren Philosophen als »professionelle Konfusionsspezialisten, Fachleute für Orientierungskrisenmanagement«. Es erhärten sich folgende Thesen: 1) Kunst lässt sich unter einem soziokulturellen (Bourdieu) Blickwinkel als funktional lebensstil- bzw. milieustabilisierend darstellen, während sie unter einem spezifisch philosophischen Blickwinkel (Lübbe) als lebensweltstabilisierend wirksam ist. 2) Lübbes Thesen ähneln den Annahmen Bourdieus, insofern Lübbe die distinktive Funktion von Kunst implizit als lebensstilstabilisierend teilt; er unterscheidet sich aber von Bourdieus vorrangiger Betonung eines Lebensstilkonzepts in der Betonung individueller Lebensweltlichkeit.

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Kammertöns, Christoph: Kunst als Stabilisierung von Lebensstil und Lebenswelt. Pierre Bourdieu und Hermann Lübbe. 2014.

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