Der Einfluss von Reziprozitätserwartungen auf intergruppales Hilfeverhalten

Bodansky, Alexander N. GND

Diese Arbeit besteht aus zwei Online-Studien und einer qualitativen Inhaltsanalyse. In den zwei Online-Studien wurde der Einfluss von Reziprozität und Ähnlichkeit auf bilaterale Hilfe untersucht (bilaterale Hilfe ist eine besondere Form von Hilfeverhalten zwischen Gruppen). Es wurde überprüft, inwiefern Ähnlichkeit zwischen zwei Nationen psychologische Prozesse, die zu bilateraler Hilfe motivieren, moderiert und somit die Wertigkeit von Reziprozität bestimmt. An der ersten Studie nahmen 237, an der zweiten Studie, welche die Ergebnisse der ersten Studie replizieren sollte, 248 deutsche Studierende der Psychologie teil. Sie sollten ihre Reaktionen auf einen fiktiven Zeitungsartikel beschreiben, in dem ein Land von einer Naturkatastrophe heimgesucht worden war. Die Ergebnisse beider Studien zeigten, dass gegenüber einer ähnlichen Nation unabhängig von der Salienz von Reziprozität und damit allgemein von Kosten-und-Nutzen-Erwartungen eine Grundbereitschaft bestand, sich für die Mobilisierung von bilateraler Hilfe einzusetzen. Im Gegensatz dazu wurde das Engagement, bilaterale Hilfe für eine unähnliche Nation zu mobilisieren, maßgeblich durch die Salienz von Reziprozität beeinflusst. Denn wenn Reziprozität salient war, wurde signifikant mehr Engagement gegenüber einer unähnlichen Nation gezeigt. Darüber hinaus stützten weiterführende Analysen den vermuteten Zusammenhang, dass bilaterale Hilfe für eine ähnliche Nation eher durch Empathie oder durch die Orientierung an der Bedürftigkeit der ähnlichen Nation vorhergesagt wird. Denn diese beiden Faktoren waren auf der anderen Seite unerheblich, wenn bilaterale Hilfe für eine unähnliche Nation erwogen wurde. Explorative Analysen zeigten weiter, dass in Abhängigkeit von der Ähnlichkeit der Hilfe benötigenden Nation qualitativ unterschiedliche moralische Gedanken mit bilateraler Hilfe verknüpft waren. In einer Inhaltsanalyse der Protokolle des 80th US-Congress aus den Jahren 1947 und 1948 wurden die Diskurse über den Wiederaufbau von Deutschland und Japan miteinander verglichen. Obwohl der Diskurs über Hilfe für das 6 ähnliche Deutschland wesentlich kontroverser geführt wurde als der gleiche Diskurs über Japan, ließen sich wesentliche Unterschiede in den rhetorischen Mobilisierungsversuchen aufzeigen, die darauf hindeuten, dass Hilfe für Deutschland mit der Sorge um das Wohlergehen der Deutschen mobilisiert wurde, während Hilfe für Japan eher durch moralische Überlegungen versucht wurde zu mobilisieren. So war z.B. das Leid der ähnlichen Deutschen Bevölkerung wichtiger Bestandteil des damaligen Diskurses, während das Leid der unähnlichen japanischen Bevölkerung fast keine Bedeutung im Diskurs um deren Wiederaufbau spielte. Weiter wurden Perspektivenübernahmen mit dem Leid der Bevölkerung nur im Diskurs über Deutschland gefunden. Die Verwendung der Argumenttypen kategoriale Inklusion, kategoriale Normen und kategoriale Interessen nach Reicher und Kollegen (Reicher, Cassidy, Wolpert, Hopkins, & Levine, 2006) sowie die allgemeinen Charakterisierungen der beiden Länder und deren Bevölkerungen verwiesen auf stärkere Infrahumansisierungstendenzen gegenüber den unähnlichen Japanern als gegenüber den ähnlichen Deutschen. Diese Befunde stehen im Einklang mit der Theorie zweier unterschiedlicher Prozesse, die in Abhängigkeit von der Ähnlichkeit der potentiell Hilfe erhaltenden Nation jeweils bilaterale Hilfe mobilisieren können (Stürmer & Snyder, 2010b). Sie unterstützten damit die statistisch experimentellen Befunde bezüglich der moderierenden Rolle von Ähnlichkeit. Sie zeigen noch einmal, dass die Wertigkeit von Reziprozität maßgeblich durch die Ähnlichkeit der potentiell Hilfe erhaltenden Nation bestimmt wird. Und diese Ergebnisse erweitern die Befunde der Online- Studien, indem sie zeigen, dass diese unterschiedlichen psychologischen Prozesse auch auf der sprachlichen Ebene namentlich in der Diskussion um bilaterale Hilfe vorhanden sind. In der abschließenden Diskussion wurden Anknüpfungspunkte für zukünftige Forschungsfragen aufgezeigt. Weiter wurde der Anwendungsbezug dieser Arbeit zur Mobilisierung von bilateraler Hilfe deutlich gemacht.

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Bodansky, Alexander: Der Einfluss von Reziprozitätserwartungen auf intergruppales Hilfeverhalten. Hagen 2013. FernUniversität in Hagen.

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