Die Schweizerkolonie in Ungarn 1867 - 1990

Kováts, Antal András GND

Zum dritten Drittel des 19. Jahrhunderts war eine Anzahl von Schweizern in Ungarn anwesend, die zumeist im Zuge einer West-Ost Wanderung in dieses Land gelangt ist. Ihre Merkmale unterschieden sich von den im Karpatenbecken historisch anwesenden nationalen Minderheiten. Sie hatten keine eigenen Siedlungen, wo sie ihre Kultur in geschlossener Gemeinschaft hätten pflegen können und lebten im ganzen Land vereinzelt und verstreut. Auch in den Großstädten Buda (Ofen) und Pest (ab 1873 Budapest) wohnten sie in unterschiedlichen Bezirken, waren in unterschiedlichen Berufen tätig und haben sich allmählich in die diesen entsprechenden Schichten der ungarischen Gesellschaft eingegliedert. Etwa in den Jahren des Beginns der von mir untersuchten Zeitperiode, um 1867 entstand unter den Schweizerbürgern, die zahlenmäßig die drittgrößte Guppe unter den Fremden in Ungarn ausmachten, das Bedürfnis, sich gemeinschaftlich zu organisieren. Zu dieser Zeit entstanden ihre ersten Institutionen: die deutsche Reformierte Filialgemeinde der Ungarischen Reformierten Kirche (gegründet 1859, offiziell ab 1863), der Schweizer Unterstützungs-Verein in Ungarn (1867) und das Schweizer Honorarkonsulat (1871). Diese Einrichtungen schweizerischen Interesses fingen an, ihre Tätigkeiten in einer Zeit zu entfalten, als das Aufnahmeland Ungarn nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich 1867 einen selbständigen Weg der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung zu beschreiten begann. Alle drei Institutionen waren die ganze Zeitperiode ab 1967 hindurch deutschsprachig bzw. in einer in der Schweiz offiziellen Sprache geführt und von Personen bestimmt, die mit der Schweiz eng verbunden waren. Aufgrund der Analyse ihrer erhalten gebliebenen Schriftlichkeit lassen sich die am Anfang dieser Arbeit gestellten Fragen beantworten, - was Bürger einer alten Direktdemokratie ohne Kriege und ohne bedeutende gesellschaftliche Umwälzungen wie der Schweiz motiviert, sich in einem Land wie Ungarn anzusiedeln, das in der untersuchten Periode zweimal von Weltkriegen erschüttert wurde, die Staatsform und das politische System gewechselt hat und Schauplatz politischer Gewalt war - wie die Ungarnschweizer auf die Extremsituationen der ungarischen Geschichte reagierten und wie stark sie durch diese geprägt wurden - welche Begründungsmuster für Verbleib und Weggang sich ausmachen lassen - welche Unterschiede und Entsprechungen im Verhältnis zur Gesellschaft des Gastlandes bestehen - wie die Akkulturation, Assimilation, Identitätspflege und Probleme der Doppelbürgerschaft ausgegangen sind. Zur Beantwortung dieser Fragen wurde die Geschichte der Schweizerkolonie in Ungarn nach 1867 aufgrund von drei Hauptaspekten und anhand der Tätigkeit schweizerischer Institutionen und der Geschichten von Einzelmenschen und Familien behandelt: (1) Demographische und berufsstrukturelle Entwicklung, (2) Einbettung in die ökonomischen und gesellschaftsgeschichtlichen Bedingungen des Aufnahmelandes und (3) Bewahrung der schweizerischen Identität bzw. Integration in Ungarn. Bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts sind Schweizer im Rahmen einer allgemeinen Auswanderung unter anderem nach Osteuropa und dabei einige durch Einzel- oder Kettenwanderung nach Ungarn gekommen, um vor der damals in der Schweiz herrschenden Armut und dem Mangel an Arbeit zu fliehen. In manchen Berufen wie dem der Zuckerbäcker gab es in Ungarn gute Chancen, eine gute Existenz zu gründen oder wenigstens den Lebensunterhalt verdienen zu können. Im 224 dritten Drittel der 1800er Jahre ließ die Attraktivität Ungarns für potenzielle Auswanderer in der Schweiz nach. Diejenigen, die statt Amerika doch nach Ungarn kamen, haben es in der Hoffnung getan, ihre Fachkenntnisse in diesem Land überdurchschnittlich gut verwerten zu können. Unter den Männern waren es die Käser, die in der Milchverarbeitung erfolgreiche Unternehmungen errichten konnten bzw. einige Spezialisten der Industrie, die im Zuge des Aufbaus der ungarischen Schwerindustrie eine gute Aufnahme fanden. Junge Frauen konnten als Erzieherinnen oder Gouvernanten ihre französischen und deutschen Sprachkenntnisse verwerten. Ansonsten waren Schweizer in Ungarn jeweils in geringer Anzahl in den unterschiedlichsten Berufen vorzufinden. Auch zu späteren Zeiten sind Schweizer durch Einzelschicksale (Heirat usw.) oder aufgrund einer momentanen Nachfrage nach ihren Fachkenntnissen in dieses Land gelangt. Politische Überlegungen spielten bei ihrer Ansiedlung in Ungarn kaum eine Rolle, wenn aber doch, wie im Fall von Toni Drittenbass nach dem 2. Weltkrieg, konnten diese auf Fehleinschätzungen beruhen. Die Antworten, die Mitglieder der Schweizerkolonie auf Extremsituationen gegeben haben, hingen von ihren familiären Bindungen in Ungarn, ihrer Bindung zur Schweiz, ihren existenziellen Verhältnissen und davon ab, wie weit sie sich von diesen Extremsituationen betroffen fühlten. In diesen Situationen ist die Frage „bleiben oder gehen?“ immer wieder hochgekommen. Generell gilt: In Situationen, die von den Koloniemitgliedern als extrem hart empfunden wurden, waren es die jüngeren, arbeitsfähigen Schweizer mit engen familiären Bindungen zu Verwandten in der Schweiz, die sich für eine Repatriierung entschieden haben. Geblieben sind meistens ältere, arbeitsunfähige Leute, die keine verwandtschaftlichen Kontakte mehr zur Schweiz hatten. Einen gemeinschaftlichen Interessenschutz wünschten und erhielten die Mitglieder der Schweizerkolonie in Ungarn von der Schweizer Diplomatie in Zeiten wie der Räterepublik 1919 oder der kommunistischen Machtübernahme nach dem 2. Weltkrieg, als von der Staatsgewalt in Ungarn auch schweizerisches Privateigentum angegriffen wurde. Das traditionell demokratische Denken der Schweizer zeigte sich während des 2. Weltkrieges, als neben den Schweizer Diplomaten auch Schweizer Privatmenschen sich an der Rettung verfolgter Juden beteiligt haben.In der kommunistischen Diktatur nach 1948 wurde seitens der Vertreter der Schweizerkolonie eine Politik des „Nur-nicht-auffallen“-s betrieben. Man bemühte sich bei jeglichen Kolonieaktivitäten, möglichst unbemerkt zu bleiben. Diejenigen Schweizer in Ungarn, die die gesellschaftlichen Verhältnisse sowohl in ihrer Schweizer Heimat wie auch im Gastland Ungarn von innen her kannten, wurden immer wieder mit den unterschiedlichen Traditionen und mit einer abweichenden Mentalität in den beiden Gesellschaften konfrontiert. Sie haben ihre Stimme erhoben, als ein bemittelter ungarischer Beamter eine schweizerische Kinderaktion für ihre Kinder missbrauchen wollte, protestierten aber auch, wenn eine Schweizer Firma für das ungarische Volk beleidigende Werbetexte veröffentlicht hat. Das Kolonieleben wurde von den jeweils zuständigen Würdenträgern immer betont demokratisch gesteuert, so dass jedes Koloniemitglied, unabhängig davon, zu welcher Schicht der Gesellschaft es gehörte, sich daran beteiligen konnte. Dies geschah in einem Land wie dem Königreich Ungarn, in dessen halbfeudalistischer Gesellschaft die Grenzen zwischen den Gesellschaftsschichten kaum zu überschreiten waren. Dieselbe demokratische Mentalität zeigte sich auch während der kommunistischen Diktatur nach dem 2. Weltkrieg, als die einzelnen Koloniemitglieder bei ihrer Unterstützung seitens der Schweizer Institutionen nach objektiven Kriterien, nur aufgrund ihrer materiellen Lage beurteilt wurden. Betrachtet man die Akkulturation der Schweizerkolonie nach John W. Berrys316 vier Akkulturationsstrategien, zeigt sich auf der Landschaft des Aufeinandertreffens der Kultur von Schweizer Einwanderern und der ungarischen Kultur ein buntes Bild. Aus der sehr heterogenen Zusammensetzung der jeweiligen Schweizerkolonie in Ungarn folgt, dass bedeutende Unterschiede auf diesem Gebiet zwischen der in Ungarn ansässig gewordenen ersten Generation, der alt eingesessenen späteren Generation und den Schweizern, die bewusst ihren Aufenthalt in Ungarn für eine befristete Zeit, z.B. für einige Jahre geplant haben, festzustellen waren. Die erste Generation bemühte sich, sich zu integrieren, also unter Beibehaltung der eigenen schweizerischen Kultur sich in die ungarische Gesellschaft einzugliedern. Diese Beibehaltung der eigenen Kultur war in Familien erfolgreicher, in denen beide Ehepartner gebürtige Schweizer waren und die neben den familiären Bindungen zur Schweiz auch ihre Schweizer 226 Muttersprache behalten haben. Die zweite Generation war schon einem großen Assimilationsdruck ausgesetzt, hat also zumeist die von den Schweizer Eltern mitgebrachte Kultur aufgegeben, ihre Verkehrssprache in das Ungarische gewechselt, und wenn es bei ihr um Kulturförderung ging, war das schon die ungarische. Dieser Prozess wurde dadurch beschleunigt, dass es in Ungarn nie eine Schweizerschule gab und die Schweizer bzw. die Schweizstämmigen oft voneinander isoliert und im ganzen Land verstreut lebten. Wieder anders war die Einstellung zur Schweizer Kultur bei Schweizerbürgern und Schweizerbürgerinnen, die ihre schweizerische Abstammung erst nach mehreren in vollkommener Assimilation lebenden Generationen wiederentdeckt haben und sich wiedereinbürgern ließen. Für die meisten Schweizer, die in der Kolonie irgendwie Aktivität zeigten, war ein Zwischenstadium zwischen Integration und Assimilation charakteristisch. Sie führten ein ungarisches Alltagsleben in weitgehender Assimilation, benutzten oft die ungarische Variante ihres Vornamen, so dass ihre fremde Herkunft kaum zu erkennen war, pflegten aber unter den gegebenen Möglichkeiten auch ihre Schweizer Identität. Institutionelle Rahmen für diese Identitätspflege waren in der Deutschsprachigen Reformierten Gemeinde, im Schweizer Unterstützungsverein und im Angebot der jeweiligen diplomatischen Vertretung der Schweiz in Budapest gegeben. Die Deutschsprachige Reformierte Gemeinde half vor allem, die religiöse Identität zu bewahren. Für Schweizer reformierter Konfession war es eine im östlichen Teil Europas einmalig günstige Gelegenheit, dass die gleiche, kalvinistische Richtung des Protestantismus die zweitstärkste Kirche in Ungarn darstellte und im Rahmen dieser eine deutschsprachige Filialgemeinde entstehen konnte. Die Schweizer reformierten Konfessionen fanden in dieser Gemeinde nicht nur Glaubensbrüder und -schwestern, sondern auch Begegnungsstätte und Gemeinschaft. Der Schweizer Unterstützungs-Verein drückte Schweizer Solidarität nicht nur im materiellen Sinne aus, sondern organisierte gesellige Zusammenkünfte, Begegnungen mit in Ungarn verweilenden Schweizer Reisegruppen und Künstlern, sowie Ausflüge. Der Verein war in vielen Jahren Organisator oder Mitgestalter der wichtigsten feierlichen Anlässe der Kolonie: der Bundesfeier am 1. August und der Weihnachtsfeier. Diese Feste zogen in den meisten Jahren viele Teilnehmer aus der Kolonie an. Der Verein organisierte in der Zeit des Kalten Krieges 1949 einen Sprachkurs in Schweizerdeutsch für Teilnehmer aus Familien, in denen die Muttersprache ihrer Vorfahren in Vergessenheit geraten war. All dies waren Mittel der Identitätspflege in der Fremde.Die jeweilige Vertretung der Schweiz in Budapest, anfangs das Honorarkonsulat, später das Generalkonsulat, die Gesandtschaft, dann die Botschaft stellte für die Kolonie ein Stück amtliche Schweiz dar. Alle Schweizerbürger in Ungarn, die als solche registriert werden und dadurch einen konsularischen Schutz genießen wollten, mussten sich beim Konsulat immatrikulieren lassen. Die Vertretung vermittelte Unterstützungen von öffentlichen Stellen in der Schweiz an bedürftige Landsleute in Ungarn, Ferienaktionen schweizerischer Organisationen an Auslandschweizerkinder in Ungarn. Die letzteren trugen zu der Stärkung der Schweizer Identität der Jugendlichen wesentlich bei. Die diplomatische Vertretung hat während der kommunistischen Diktatur nach dem 2. Weltkrieg auch viele Jahre lang die Funktionen des Unterstützungsvereins übernommen, die Koloniefeier veranstaltet und die Unterstützungen an Bedürftige geregelt. Durch sie mussten auch wehrpflichtige Männer ihren Militärpflichtersatz – eine gesetzliche Bindung zur Schweizer Heimat – entrichten. In der untersuchten Periode stieg die Anzahl der Doppelbürger in der Schweizerkolonie in Ungarn bedeutend an. Während Ende des 19. Jahrhunderts sich nur wenige Schweizer daran interessiert fühlten, die ungarische Staatsbürgerschaft anzunehmen, stieg ihre Zahl in der Zwischenkriegszeit (1918–1945) unter anderem wegen der protektionistischen Beschäftigungspolitik der ungarischen Regierung erheblich an. Zu diesem Tatbestand trug auch die weitgehende Assimilation in vielen schweizstämmigen Familien bedeutend bei, obwohl auch Schweizerbürger, die die ungarische Staatbürgerschaft angenommen haben, zumeist Wert darauf gelegt haben, dass sie auch ihr Schweizer Bürgerrecht behalten können. Nachdem in den Folgejahren des 2. Weltkriegs die meisten Nur-Schweizer Ungarn verlassen und repatriiert haben, machten Doppelbürger den Großteil der Kolonie aus. Die Doppelbürgerschaft hatte aber den Nachteil, dass die Schweizer Gesandtschaft insbesondere während der kommunistischen Diktatur in der Nachkriegszeit (1949–1989) viel weniger Mittel hatte, sich bei den ungarischen Behörden im Interesse von Doppelbürgern einzusetzen, da diese von den ungarischen Behörden als rein ungarische Staatsbürger angesehen waren, in deren Angelegenheiten die Schweizer Diplomatie nicht zuständig sei. Die jeweiligen Sorgen und zu lösenden Probleme der Schweizerkolonie in Ungarn, deren Personenzahl in der untersuchten Periode ihre Spitze mit 1032 Personen im Jahre 1891 und den tiefsten Stand mit einer Anzahl von 139 in den 228 Jahren 1971/1977 aufwies, waren auch geeignete Indikatoren der ungarischen Geschichte. Die Schweizer waren ja von den Ereignissen, die ihr Gastvolk, die Ungarn betrafen, ebenfalls betroffen. Solche waren unter anderem die Kriegsschäden in den beiden Weltkriegen, die Verstaatlichungen und Enteignungen während der Räterepublik 1919 und nach dem 2. Weltkrieg, die Judengesetze der 1940er Jahre, von denen auch Schweizerbürger jüdischer Abstammung betroffen waren, die sowjetische Belagerung am Kriegsende, aber auch das willkürliche Vorgehen der Staatssicherheitsbehörden der kommunistischen Diktatur. In all diesen zugespitzten Situationen versuchten die Koloniemitglieder, einen gemeinschaftlichen Schutz seitens der Schweizer Diplomatie zu erhalten. Der Erfolg solcher Interventionen auf diplomatischem Weg hing oft davon ab, wie weit die ungarische Staatsmacht an guten Kontakten zur Schweiz aus wirtschaftlicher Sicht interessiert war. Eine individuelle Antwort auf Verletzungen ihrer Interessen konnten die Mitglieder der Schweizerkolonie mit einer Entscheidung zur Repatriierung geben. Diese Indikatorrolle zeigt sich auch bei positiven Erscheinungen: in Zeiten wie den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts oder den Jahren nach der Wende 1989, als immer mehr Schweizer sich angezogen fühlten, sich in Ungarn niederzulassen.

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Kováts, Antal: Die Schweizerkolonie in Ungarn 1867 - 1990. Hagen 2012. FernUniversität in Hagen.

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